Ein Tierporträt: Marchalina hellenica Genn. (Sternorrhyncha: Coccina: Margarodidae), ein wichtiger Honigtauerzeuger in Griechenland
Apiacta
36, 131-137, 2001
Friederike Erlinghagen
Wilhelm-Raabe-Weg 6, D-30938 Burgwedel, Germany
Email: f.erlinghagen@gmx.de
Ein Tierporträt: Marchalina hellenica Genn. (Sternorrhyncha: Coccina: Margarodidae), ein wichtiger Honigtauerzeuger in Griechenland
Zusammenfassung
Es werden einige morphologische Merkmale männlicher und weiblicher
Entwicklungsstadien von Marchalina hellenica beschrieben und diskutiert.
Nahrungsaufnehmende weibliche Stadien (und damit honigtauproduzierend) und
geschlechtsreife Adulti von Marchalina hellenica konnten morphologisch eindeutig
differenziert werden. Vor der Eiablage durchlaufen die Adulti eine Ruhe- und
Umwandlungsphase. Die Vermehrung der Rhinarien und die Zurückbildung der
Mundwerkzeuge bei den reifenden Fundatrices geht funktionell einher mit der
beginnenden Wander- und Eiablegephase. Vermutlich kann Marchalina hellenica von
allen Ameisenarten besucht werden, die prinzipiell Pflanzensaftsauger
trophobiotisch nutzen.
Keywords Margarodidae, Marchalina
hellenica, Honigtauerzeuger, Griechenland
Einleitung
Als Grundlage des Waldhonigs dient der Honigtau, eine stark zuckerhaltige
Ausscheidung phloemsaftsaugender Insekten, die den überschüssigen Zucker in der
Nahrung zum größten Teil wieder abgeben. Untersuchungen über die
honigtauerzeugenden Insekten in Griechenland liegen vor allem von Santas (1983)
vor. In den Jahren 1977-1981 wurden von ihm erstmals landesweit Untersuchungen
durchgeführt. Es wurden dabei die durch Honigbienen angeflogenen Bäume (Pinus
spp. und Abies spp.) auf saugende Insekten abgesucht und diese identifiziert.
Für die Waldhonigproduktion sind nach Santas (1983) 5 Arten von Bedeutung, wobei
aufgeführt wird, dass der derzeitige Kenntnisstand keine nähere Wertung der
Honigtauerzeuger durch die Honigbiene in Griechenland zulässt. Marchalina
hellenica wird als das wichtigste honigtauerzeugende Insekt genannt, von der der
Kiefern-Honig in Griechenland stammen soll. Die Art ist in der östlichen Region
des Mittelmeergebietes verbreitet, insbesondere in Griechenland und in der
Türkei. Ihre Wirtspflanzen sind Kiefern, vor allem Pinus halepensis Mill.,
weniger Pinus pinea L., Pinus sylvestris L. und Pinus brutia Ten.. Über die
Biologie und Morphologie von Marchalina hellenica liegen Arbeiten von
Nikolopoulos (1965) und Santas (1979, 1983) vor. In den genannten Untersuchungen
erfolgte die morphologische Beschreibung mit Hilfe einer Stereolupe. Darüber
hinaus bestehen keine messbaren und eindeutigen Werte für die männlichen und
weiblichen Stadien.
Das
Untersuchungsgebiet
Der Aleppokiefern-Wald (Pinus halepensis) liegt im Dünenbereich der Westküste
vom Peloponnes (Südgriechenland) bei Zacharo, ca. 25 km südlich von Pyrgos. Nach
klimageographischen Kriterien gehört die Peloponnes zu den mediterranen
Subtropen, die Westküste zur Vegetationszone der mediterranen immergrünen
Hartlaubwälder mit der Steineichen-Unterzone (Verband Quercion ilicis). In
dieser Zone ist die Aleppokiefer (Pinus halepensis) ein häufiger Baum und
bevorzugt das lokale Klima der Küstenbereiche. Durch Aufforstungen ist ihr
Siedlungsgebiet stark vergrößert. Im Vergleich zum nordöstlichen Peloponnes
(Jahresniederschlag 600 mm) ist der Sandboden des Dünengebietes dank der im
nordwestlichen Peloponnes wesentlich höheren Niederschläge (Jahresniederschlag
800-1000 mm) immer verhältnismäßig wasserreich, so dass hier unter der Kiefer
auch eine üppige Krautvegetation gedeihen kann.
Material
und Methoden
Das Untersuchungsgebiet wurde im Jahr 1992 in den Monaten Februar-April und
September-November aufgesucht. Nach Santas (1983) beginnt die Honigtauproduktion
im Juni und dauert bis zum nächsten Frühjahr. Die Honigbienen sammeln davon nur
im August-Oktober und in geringem Maße in den Monaten März/April. Einige Jahre
zuvor wurde der Kiefernwald von einem Imker mit Marchalina hellenica „geimpft“,
bei diesem Verfahren werden Kiefernzweige mit Larvenstadien aus einem anderen
Gebiet in die Baumwipfel gehängt. Von dort breitete sich Marchalina hellenica
aufgrund ihrer hohen Reproduktionsrate sehr schnell aus und ist inzwischen im
gesamten Kiefernwald des Untersuchungsgebietes zu finden.
Verschiedene Entwicklungsstadien der weiblichen und männlichen Tiere wurden im
Jahresverlauf an Pinus halepensis beobachtet und gesammelt. Das Material wurde
nach der Methode von Scelegiewicz (1978) präpariert und in ein Berles-Gemisch
eingebettet. Die Auswertung erfolgte mit einem Zeiss-Mikroskop bei 100-400facher
Vergrößerung. Ungefähr 200 Schilde wurden klassifiziert und anhand Alter und
Entwicklungsstadium registriert.
Ergebnisse
Morphologie
Einige morphologische Daten sind in Tab.1 zusammengestellt. Die Weibchen haben
einen plumpen sackförmigen Körper und sind ungeflügelt (Abb. 1)
![]() Abb. 1 Heranreifende Fundatrices von Marchalina hellenica an Pinus halepensis im Frühjahr 1992 |
![]() Abb. 2 Reife Fundatrix im Frühjahr 1992 (Berlese-Präparat) |
Die Larven der Weibchen sind den Adulti sehr ähnlich, jedoch sind bei ihnen Stechborsten und 2. Maxille gut entwickelt, während die Mundwerkzeuge bei den heranreifenden Fundatrices zurückgebildet werden (Abb. 2). Die Beine und Fühler sind bei allen weiblichen Stadien und beim männlichen Stadium gut entwickelt. Alle untersuchten Stadien sind daher frei beweglich. Die Augen sind als Punktaugen (Ocellen) ausgebildet. Bei den geschlechtsreifen weiblichen Tieren nimmt die Anzahl der Rhinarien (Sinneszellen) auf den Antennengliedern zu (Tab. 1). Gegen die Hitze schützen sich sowohl die weiblichen als auch die männlichen Tiere durch Wachswollproduktion.
Tab.1 Morphologische und biologische Daten zu Marchalina hellenica Genn.
AG = Antennenglied; 1 = Zahl der Rhinarien
auf Antennengliedern gering und unregelmäßig;
2 = Zahl der Rhinarien auf Antennengliedern zunehmend
Das männliche Larvenstadium wurde auf den Blättern vom Afodill (Asphodelus aestivus) aufgesammelt. Der Analring ist mit 6 Borsten umgeben. Die zum Teil beborsteten thorakalen und ventralen Skleritplättchen sind deutlich erkennbar (Abb. 3a). Das von Nikolopoulos (1964) beschriebene Larvenstadium ist in Abb. 3b wiedergegeben.

Abb. 3a Männliches Larvenstadiumim Frühjahr
1992 - Abb. 3b Ein älteres
Larvenstadium (Nikolopoulos 1964)
Entwicklung
und Aufenthaltsorte
Marchalina hellenica ist zwar zweigeschlechtlich, die Vermehrung findet aber
dennoch hauptsächlich durch Parthenogenese statt, da die Männchen sehr selten
sind. Die Eier werden frei abgelegt und mit Wachswolle bedeckt. Vor der Blüte
von Pinus halepensis (März-April) werden die Eier von der Fundatrix an alle
Kiefernteile in Massen abgelegt. Dabei werden dickere oder jüngere Äste und sehr
oft die Wurzelteile, wenn sie oberirdisch verlaufen, befallen. An diesen Stellen
erfolgt auch die Entwicklung des 1. (weiblichen) Larvenstadiums. Von allen
weiblichen Larvenstadien wird der Saugort öfters gewechselt. Am Baum werden
Astunterseite oder die vom Wetter abgekehrte Stammseite in hoher Dichte
besiedelt. Im September/Oktober konnten unter einem ca. 3 cm² großem Borkenstück
bis zu 15 Larven L1 dicht aneinanderliegend beobachtet werden. Stamm- und
Astpartien, die noch keine dickere Borke gebildet haben (sehr junge Kiefern),
bleiben unbesiedelt.
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Ameisenbesuch
Folgende Ameisenarten nutzen Marchalina hellenica trophobiotisch: Camponotus
athiops (Latr.), Crematogaster schmidti (Mayr.), Pheidole plalidula Nyl.,
Acantholepis melas Emery.
Diskussion
Unter den Weibchen konnten anhand der Anzahl der Antennenglieder drei
Entwicklungsstadien differenziert werden:
1. Nymphen, erstes Alter (L1, Nachweis im April und September);
2. Nymphen, 2. Alters oder Prä-Imagostadium (L2, Nachweis im September, Oktober
und April)
3. Imagines nicht geschlechtsreif (Nachweis im Februar-April) und
geschlechtsreif (April)
Diese Ergebnisse stimmen mit den Untersuchungen von Nikolopoulos (1965) und
Santas (1979) überein.
Die heranreifende Fundatrix hat vor der Eiablage eine ca. 10-15 tägige Ruhephase
(Santas 1983). Dieses Stadium unterscheidet sich von der reifen Fundatrix;
unreife und geschlechtsreife Adulti konnten in vorliegender Arbeit morphologisch
eindeutig differenziert werden. Die Vermehrung der Rhinarien und die
Zurückbildung der Mundwerkzeuge geht funktionell mit der beginnenden Wander- und
Eiablegephase einher.
In den Aufsammlungen von Santas (1979) werden zwei Larvenstadien, ein
Puppenstadium und ein geflügeltes Adultstadium der Männchen von Marchalina
hellenica erwähnt, eine Beschreibung fehlt jedoch. Das Auftreten eines
Puppenstadiums ist innerhalb der Hemipteroidea auszuschließen. Das von der
Autorin gefundene männliche Larvenstadium unterscheidet sich in den
morphologischen Merkmalen (z.B. Anzahl der Antennenglieder, Größe, keine
Flügelbildung) von dem von Nikolopoulos (1964) beschriebenen Stadium. Aller
Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei dem an der Westküste vom Peloponnes
aufgesammelten Material um ein jüngeres Larvenstadium (7 Antennenglieder),
während in der Arbeit von Nikolopoulos ein älteres Larvenstadium (10
Antennenglieder) beschrieben wird. Ob beide dem 1. und 2. Larvenstadium nach
Santas (1979) entsprechen, oder ob es eventuell doch mehr männliche
Larvenstadien gibt, müssten weitere Untersuchungen klären. Die Frage, inwiefern
die an den Blättern von Asphodelus aestivus aufgesammelten Männchen in
phytophager Beziehung zu ober- bzw. unterirdischen Pflanzenteilen stehen, muss
ebenfalls offen bleiben. In der Nacht vor den Aufsammlungen stürzten Kiefern
durch einen starken Sturm um, so dass die Möglichkeit besteht, dass die Männchen
mit abgelösten Borkenteile auf den Boden gelangten und sich an den Blättern von
Asphodelus aestivus aufwärts bewegten.
Vermutlich kann Marchalina hellenica von allen Ameisenarten besucht werden, die
prinzipiell Pflanzensaftsauger trophobiotisch nutzen.
Zusammenfassung
Nahrungsaufnehmende Stadien (und damit honigtauproduzierend) und
geschlechtsreife Adulti von Marchalina hellenica konnten morphologisch eindeutig
differenziert werden. Einige morphologische Merkmale männlicher
Entwicklungsstadien werden dargestellt und diskutiert.
Danksagung
Ich danke dem DAAD für die Finanzierung des Aufenthaltes in Griechenland. Für
die Unterstützung im Gelände danke ich Frau Prof. E. Douma-Petridou (Universität
Patras, Griechenland), Herrn I. Massalas und Herrn V. Kalogeropoulos (beide
Patras, Imker). Mein besonderer Dank gilt Herrn Dr. St. Scheurer (Berlin) für
vielfältige Hilfe und Unterstützung. Für die Bestimmung der Ameisen danke ich
Herrn Dr. B. Seifert (Görlitz, Deutschland). Dem Stab des Niedersächsischen
Landesamtes für Bienenkunde (Celle, Deutschland) danke ich für zahlreiche
Unterstützungen im Labor. Frau A. Thondorf (UFZ Leipzig-Halle, Deutschland)
danke ich herzlich für die Anfertigung der Zeichnung.
Literatur
Erlinghagen F (1995) Zur Morphologie und Biologie von Marchalina hellenica Genn.
(Coccina, Margarodidae), ein wichtiger Honigtauerzeuger in Griechenland. Mitt.
Dt. Ges. Allg. Ent. 9 (4-6), 721-724.
Erlinghagen F (1995) Beitrag zur Morphologie von Marchalina hellenica Genn.
(Sternorrhyncha: Coccina: Margarodidae). Mitt. Internat. Entomol. Ver. Bd. 20,
Heft ¾, 141-145. Frankfurt a.M.
Erlinghagen F (2001) Portrait of an insect: Marchalina hellenica Genn.
(Sternorrhyncha: Coccina: Margarodidae), important producer of honeydew in
Greece. Apiacta 36, 131-137.
Nikolopoulos Ch (1964) Beschreibung des bisher unbekannten Männchens von
Marchalina hellenica (Gennadius) (Hemiptera, Margarodidae, Coelostomidiinae).
Ecole d’haute etudes agronomiques a Athens, pp. 31 (in Greek).
Nikolopoulos Ch (1965) Motphology and biology of the species Marchalina
hellenica (Gennadius) (Hemiptera, Margarodidae, Coelostomidiinae). Ecole
d’hautes etudes agronomiques a Athens, pp. 30 (in Greek).
Santas L.A. (1979) Marchalina hellenica (Gennadius), bedeutendes Insekt für die
Bienenzucht Griechenlands. Apimondia, Athen.
Szelegiewicz H (1978) Kluce do ozncaznia owadow Polski, Czesc XVII Pluskwiaki
rownoskrzydle-Homoptera. Zeszt 5a Mszyce – Aphidoidea, Wstep i Lachnidae,
Polskie Towarzystow Entomologiczne 101, pp. 107.
![]() Abb. 6 Bienenvölker im Untersuchungsgebiet |
![]() Abb. 7 Aspekt im Frühjahr mit Aspodelus aestivus (Liliaceae) an beweideten Stellen (Waldhude mit Schafen und Ziegen) |
![]() Abb. 8 Romulea bulbucodium (Iridaceae) kommt häufig an lichten Stellen im Untersuchungsgebiet vor (z.B. Wegränder), und ist eine wichtige Nektarquelle für Honigbienen Anfang Frühjahr, während Anemone coronaria und Anemone hortensis (Ranunculaceae) häufig als Pollenquellen genutzt werden. |
![]() Abb. 9 Das Untersuchungsgebiet, Westküste Peloponnes
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Mehr Informationen über Marchalina hellenica English Version
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