Natur und Kunst
Einige
Imker mögen ihre Bienen als „kleine biologische Robotter“ (1) bezeichnen und
ihre Bienenhaltung entsprechend einrichten; sie mögen theoretisieren so viel sie
wollen, den wirklichen Kern der Sache treffen sie in der Regel nicht - viele
Öko-Imker eingeschlossen. Gut beraten ist, wer sich an das Goethe-Wort erinnert:
„Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche
desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen“. Wenn nun auch das
Denken in der richtigen Weise angewendet wird, kommen wir der Essenz des
„konkreten und archaischen Bienen ‘denken’“ (2) auf die Spur.
„Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt
bietet“ notierte Goethe in Italien. Erstaunlich ist, daß ihm das Theater gar
keine Freude mehr gibt. Die Natur und die bildende Kunst ist ihm in Italien
wichtiger geworden: „Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und Ballette, es
fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung
der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang, von der Villa Madama gesehen, ein
Werk der Kunst wie die viel verehrte Juno machen tiefen und bleibenden Eindruck
... Die Opern unterhalten mich nicht, nur das innig und ewig Wahre kann mich nun
erfreuen“. Im Dezember 1787 resümiert er: „Der Verstand und die Konsequenz der
großen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu
geboren war, so fange ich jetzt an, wie neu erzogen zu sein.“ Er sagt von sich,
er führe wirklich ein Naturleben, „wie es nur irgend auf dem Erdboden möglich
ist.“
Ein fundiertes Kunst- und Naturverständnis eignete sich Goethe auf seiner fast
zwei Jahre währenden italienischen Reise an: „In der Kunst muß ich es so weit
bringen, daß alles anschauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe,
und ich zwinge es in diesem halben Jahre, auch ist es nirgends als in Rom zu
zwingen“. Er studiert Kunstwerke und Werke der Natur - nicht wie dies heute
vielfach an Universitäten gelehrt wird: „Diese hohen Kunstwerke sind zugleich
als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen
hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist
Notwendigkeit, da ist Gott“. Goethe schreibt 1787 in Rom, wenn er imstande wäre
eine Akademie zu gründen, würde er darauf achten, daß seine Schüler irgendein
Naturstudium ernsthaft und im o.g. Sinne absolvieren. Denn nur so kann eine
fruchtbringende, natürliche Heilkunst - im Gegensatz zur modernen allopatischen
Medizin, eine menschengemäße Erziehungskunst - im Gegensatz zum bestehenden
„Erziehungs- und Bildungssystem“, eine Kunst der Landbewirtschaftung und
Bienenhaltung - im Gegensatz zur heute üblichen Betriebsweise, „ökologische
Bienenhaltung“ eingeschlossen - entstehen.
Der etwas traurige Begriff, den man im südlichen Italien im 18. Jahrhundert von
den nördlichen Ländern hatte: „Sempre neve, case di legno, gran ignoranza, ma
danari assai“ und den Goethe „zur Erbauung sämtlicher deutschen Völkerschaften“
übersetzt mit „Immer Schnee, hölzerne Häuser, große Unwissenheit; aber Geld
genug“, muß nicht darüber hinweg täuschen, daß Deutschland die Natur nicht zu
schätzen wüßte. Die neue Wende in der deutschen Klima- und Energiepolitik sowie
die Agrarwende dürften weltweit auf positive Resonanz stoßen. Die meisten denken
auch nicht daran wegen vereinzelter Bio-Skandale (Stichwort Nitrofen) gleich die
Flinte ins Korn zu werfen. Auch das neue von Frau Künast entwickelte „Bio-Label“
erweist seine guten Dienste. Niemand käme auf die Idee, zu sagen: „Das kannst du
dir an den Hut stecken!“, oder wer wollte das Zeichen nehmen und es sich
tatsächlich an den Hut heften - als eine Art Happening im Sinne von Josef Beuys?
Es ist wirklich erstaunlich, daß Frau Künast dieses Happening vor aller Augen
auf der grünen Woche in Berlin vorgeführt hat (3).
Aktionen dieser Art sind gut und nützlich, doch wie steht’s mit den Akteuren,
die an der Agrarwende beteiligt sind? Wer berät sie? Wie schlägt sich diese
Beratung in Veröffentlichungen nieder? Was zeichnet die Verfechter der
Ökologischen Bienenhaltung aus?
Was verstehen sie unter Natur und Kunst? Hier einige Beispiele.
Die Biologen Frau Keppler und Herr Hähnle, die in ihrem Artikel „Ökologische
Bienenhaltung - was zeichnet sie aus?“ für den Bioland- und Naturland-Verband
sowie den Demeter Bund kräftig die Werbetrommel rühren, informieren den
ahnungslosen Leser:
„Ziel der ökologischen Bienenhaltung ist eine hohe Qualität der Imkereiprodukte,
die sich dadurch auszeichnen, daß sie unverfälscht sind..." (4).
Der Leser erhält den Eindruck, daß Imker, die nicht in einem dieser drei
Bio-Verbände organisiert sind, ihren Honig verfälschen. Dies ist zumindest in
Deutschland seit 1976 durch die Honigverordnung verboten und wird daher von
keinem einzigen Imker in Deutschland praktiziert! Haben die beim Deutschen
Bienenjournal keine Lektoren? Verständlich ist die Reaktion renommierter
Wissenschaftler auf derartige Aussagen. Vielfach sieht man nur das Theater, das
um die ökologische Bienenhaltung gemacht wird, und kommt gar nicht auf die Idee,
daß wirkliche Natur mit einbezogen sei; ganz im Gegenteil, man hat eher den
Eindruck der Verbraucher solle irregeführt werden: „Auch zahlreiche andere
Honige weisen gemäß Öko-Test keine Rückstände auf, gelten aber laut Öko-Test
nicht als „kontrolliert biologisch erzeugt“. Wird hier nicht mit zweifelhaften
Begriffen der Verbraucher irregeführt?“ (5)
Obwohl das Anwandern von konventionellen Obstanbaugebieten bei den oben
genannten Verbänden verboten ist, will man sich doch ein Hintertürchen offen
lassen. „Um den Verbraucher nicht in die Irre zu führen“ (6) - wie es so schön
heißt - findet man beim Bioland-Honig auf dem Etikett den Hinweis: „Wegen des
großen Flugradius der Bienen ist nicht zu erwarten, daß sie in jedem Fall nur
oder überwiegend ökologisch bewirtschaftete Flächen anfliegen“ (7).
Was verstehen die Autoren unter ökologischer Bienenhaltung? Eine „artgemäße
Bienenhaltung“ (8) zum Beispiel. Was verstehen sie unter artgemäß?
Hauptsächlich, daß man die Bienen nicht von den Lebenden zu den Toten befördern
soll: „Eine Vernichtung der Bienen ist aus Tierschutzgründen verboten“ (9). Ein
freundschaftlicher Umgang mit den Bienen gehört natürlich zum guten Tone. Es ist
klar, daß eine Verstümmelung (z.B. Flügelstutzen der Königin) auch
ausgeschlossen ist - obwohl einige Öko-Imker da anderer Meinung sind (10).
Bei aller Liebe zu den Bienen, bei der Zucht hört die Freundschaft auf: „Zur
Zucht finden sich in der EU-VO keine Vorschriften. Die deutschen Öko-Verbände
empfehlen allerdings die Ausnutzung des natürlichen Schwarmtriebs zur
Vermehrung“ (11). Die Öko-Verbände geben zwar Empfehlungen, dennoch ist die
künstliche Königinnenzucht mit Umlarven, und die künstliche Besamung der Königin
mit Narkose sowie künstliche Vermehrungsmethoden, „Super-Königinnen“ usw.
erlaubt (12).
Freundschaftlich gibt man sich wieder hinsichtlich der Beuten: „Die Behausung
der Bienen soll überwiegend aus natürlichen Materialien bestehen“ (13). Wenn die
Bienenkästen in einzelnen Fällen von Drahtverbauungen und Plastikkleinteilen
innerhalb der Beuten nur so strotzen, sollte dies - so die Autoren - nicht
darüber hinweg täuschen, daß sie „überwiegend aus natürlichen Materialien
bestehen“ (14). - Was natürlich nicht bedeutet, daß der sogenannte „Öko-Imker“
sich an die international üblichen oder für die Bienen sinnvollen Beuten- und
Rähmchenmaße halten muß. Ein gewisser Herr Knabel, Demeter Imker und Kollege von
Herrn Weiler, war so clever, daß er just ein neues Maß erfunden hat! - Nämlich
das „9- Waben ZaDant Magazin“ mit den Rähmchenmaßen 42x33 cm (15). Stolz
schreibt er: „Aus der Erfahrung heraus, die Andreas Knabel, während seiner
zweijährigen Ausbildung bei Günter Friedmann machte, entwickelte er ( als
gelernter Schreiner) das System in kleinen Abänderungen der Bauweise weiter ...
So kann das von der Imkerei Knabel angebotene Zargensystem auf eine Erfahrung
von zwei Imkermeistern und einem gelernten Imker und Schreiner zurückgreifen“
(16). - Großartig! Und richtig mit eigener Historie: „Zunächst entwickelt wurde
dieses neun- Waben Magazin im Zander Maß mit Falzkranz von Josef Bretschko.
Günter Friedmann entwickelte dieses dann 1998 weiter ...“ (17). Sollte das
bedeuten, daß wir nunmehr drei Dadant-Maße in Deutschland besitzen? Das klingt
rekordverdächtig und erinnert mich an ein interessantes Editorial des
Imkerei-Technik Magazins:
„Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele verschiedene Rähmchenmaße und
Beutensysteme wie in Deutschland. Das hat Tradition, die auch heute noch munter
fortgesetzt wird! Darin sind wir unbestrittener Weltmeister und werden es auch
noch lange bleiben. Eine Trendwende ist noch lange nicht in Sicht. Nur ein
kleines Beispiel: Unsere europäischen Nachbarn (Frankreich, Spanien, Italien,
die Schweiz und die Ostländer) haben sich schon lange überwiegend für die
Dadantbeute (ausschließlich Typ Blatt) entschieden. In Deutschland hat man es
fertiggebracht, den Imkern das sogenannte ‘modifizierte’ Dadant schmackhaft zu
machen. Jetzt haben wir also neben dem ganzen Rähmchensalat auch noch 2
verschiedene Dadant-Maße und Dadant-Beuten. Das gibt es in keinem anderen Land
der Welt! Und diesen nicht gerade rühmlichen Weltmeistertitel wird uns in
absehbarer Zeit auch keiner wegnehmen!“ (18).
Ein Hauch von Natur will man sich nicht nehmen lassen: „Die Verbandsrichtlinien
des Bioland-Verbandes sehen auch die Möglichkeit zum Naturbau vor“ (19).
Zumindest solle für den „Öko-Imker“ theoretisch die Möglichkeit bestehen, sich
an die Natur zu halten. Die Autoren warnen aber gleich vor zuviel Natur:
„Hierbei ist allerdings mit Drohnenbrut zu rechnen“ (20).
Frau Keppler und Herr Hähnle haben uns die sogenannte ökologische Bienenhaltung
etwas näher gebracht. Nun fragen sie sich: „Was ist bei ihr anders?“ (21).
Wahrlich, das fragt man sich manchmal! Bisher konnten noch keine gravierenden
Unterschiede ausgemacht werden. Aber es ist ja das Ende des Artikels noch nicht
erreicht. Es fehlt noch das Thema Honigqualität; hier werden sie sicher einiges
zu sagen haben - man muß nur Acht geben, daß man es nicht übersieht!
„Auf EU-Ebene werden keine besonderen Regelungen für Öko-Honig getroffen“ (22).
Ja, bei den Öko-Verbänden sieht das natürlich ganz anders aus; die Autoren
referieren über die Biolandrichtlinien. Darin heißt es: Die Lagerung des Honigs
soll „am besten im gerührten Zustand erfolgen. Zum Abfüllen ist dann nur noch
ein Antauen des Honigs nötig“ (23).
Die Autoren sind überzeugt, daß sogenannte „Öko-Imker“ nach ihrem Verständnis
ein „hochwertiges Produkt“ (24) vermarkten könnten. Wie wenig dies jedoch mit
dem o.g. Verständnis von Kunst und Natur zu tun hat, haben wir recht deutlich
gesehen und wird weiter diskutiert (25); davon zeugen auch die abstrakten
Schemata, wie sie von den Autoren angeführt werden zum Thema „Biene und Mensch
im Naturhaushalt“.
So gibt es Viele, die sich keiner rechten Natur- und Kunstbetrachtung widmen
können, und zu vielerlei Fehlschlüssen geleitet werden. Goethe begegnet ihnen
immer wieder auf seiner italienischen Reise; er beschreibt sie als Wespen in
seinem Zimmer, „die gegen die Fenster fahren und die helle Scheibe für Luft
halten, dann wieder abprallen und an den Wänden summen.“ Goethe hat eine ganz
eigene Art mit ihnen umzugehen: „Ich bin unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die
auf ihrem Wege schlendern oder irren und doch für Boten und Reisende gehalten
werden wollen. Mit Scherz und Spott treib’ ich’s so lang, bis sie ihr Leben
ändern oder sich von mir scheiden.“ Dabei hat er schon eine Vorauswahl
getroffen, denn „Halb- und Schiefköpfe werden gleich ohne Umstände mit der Wanne
gesondert.“ Dabei sei angemerkt, daß Goethe auf seiner italienischen Reise von
sich sagt, er sei ein Kind des Friedens und wolle „Frieden halten für und für,
mit der ganzen Welt“, da er ihn einmal mit sich selbst geschlossen habe.
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