Briefe zur wesensgerechten Bienenhaltung - Teil II
Fünfundzwanzigster Brief
19. Oktober 2001
Lieber Freund der wesensgemäßen Bienenhaltung,
Traurig aber wahr ist, daß gerade in der "Bio-Szene" oft nicht gewußt wird, worauf es eigentlich ankommt wenn es um Honig und Bienenhaltung geht, und das in zweifacher Hinsicht: Entweder meint der Kunde und damit auch der Imker, guter Honig müsse cremig gerührt oder wenigstens ein sogenannter "Bio-Honig" sein, der, wie es so schön heißt: "nach den international anerkannten Regeln für Bio-Imkerei" (1) gewonnen wurde. Über die eigentliche Qualität des Honigs und die Art der Bienenhaltung werden sich kaum Gedanken gemacht.
Ein Grund zur Aufregung? Nein, ganz gewiß nicht. Nur geht es darum, das Kind deutlich beim Namen zu nennen. Nun, wer cremigen Honig bevorzugt, sollte sich im Klaren sein, daß es sich um ein durchaus weiterverarbeitetes Produkt handelt - immerhin wurde der Honig tagelang gerührt und wieder aufgewärmt. Diese Honig-Rühr-Tartüfferie hat Herr Binder-Köllhofer ausführlich beschrieben: "Wie bekommt man cremigen Honig? Ganz einfach: Man füllt den gerührten Honig - bereits über mehrere Tage z.B. mit Hilfe einer Bohrmaschine gerührt, d.Verf. - erst in Lagergebinde (Eimer, Hobbock) ab und läßt ihn auskristallisieren. Darin wird er zwar auch hart, läßt sich aber anschließend wieder leicht erwärmen (bei 35 bis 38°C für 2 bis 4 Tage im Wärmeschrank). Dann nochmals rühren (wenn sich das Rührgerät eben eindrücken läßt) und ins Abfüllglas umfüllen. Anschließend die Luftblasen entweichen lassen und abschäumen. Schließlich im geheizten Raum (22 bis 25°C) in temperierte Gläser abfüllen" (2). Je nachdem ob einmal oder mehrmals gründlich oder sehr intensiv gerührt wurde, erhält man nach Binder-Köllhofer einen "feinsteifen", "cremigen" oder "cremig fließenden" bzw. "überrührten" Honig. Das ist das eine.
Später werde ich noch auf Methoden eingehen, die den Honig am wenigsten manipulieren. Das andere aber ist die Qualitätsfrage in Bezug auf Bio-Honig bzw. die Ökologische Bienenhaltung. Wie muß denn sogenannter Biohonig sein? Fragen wir doch einfach Herrn Walter Lang selbst. Was sagt er dazu? Er sagt: "Allos. So muß Biohonig sein" (3). Eine totale Leere zu kaschieren ist weder ein dankbares noch leichtes Geschäft. Herrn Lang kann bestätigt werden, daß er keine Mühe gespart hat. Das Ergebnis ist, so ausführlich auch über seine Honigsorten erzählt wird, erschreckend oberflächlich. Warum? Wir werden später noch näher darauf eingehen.
Aber wie muß er denn nun sein, der Biohonig? Er wird "gewonnen nach den international anerkannten Regeln für Bio-Imkerei" (4). Walter Langs erstaunliche Geläufigkeit in derartigen Sätzen verwandelt sich rasch in baren Leerlauf. Aber sehen wir uns einmal seine Honigbroschüre an. Es steht in dieser Honigbroschüre viel Vernünftiges und Richtiges, sie nötigt oft ehrlichen Respekt ab. Alle Achtung, dachte ich mir immer wieder - nur, daß ich dabei gähnen mußte. In einer älteren Ausgabe der Honigbroschüre (5) ging er von Fakten und Sachverhalten aus und ließ viele Hohlräume stehen. In der neuen Auflage (6) hingegen möchte er von einem zentralen Hohlraum ausgehen und ihn mit Fakten und Sachverhalten einkreisen und erschließen. Was er zum Beispiel über die Honiglagerung sagt, ist so schlecht gar nicht, nur würde ich nicht allzuviele Materialien aufzählen, denn wer will schon gerne seinen Honig in Emaille, Weißblech, Schwarzblech oder Stahlblech aufbewahren?
"Wird Honig luftdicht, dunkel und in kühlen, trockenen Räumen gelagert, ist er je nach Sorte, pH-Wert und Wassergehalt mehrere Jahre haltbar. Die optimale Temperatur, um Honig längere Zeit zu lagern, beträgt 14° C. Er darf nur in Gefäßen aus bestimmten Materialien aufbewahrt werden. Dafür eignet sich Glas, Emaille, Weißblech (verzinntes Eisenblech), lackiertes Schwarzblech oder rostfreies Stahlblech. Nicht erlaubt sind verzinkte Behältnisse, da sich sonst giftiges Zinkoxid bilden kann. Eisenblech ist ebenfalls nicht geeignet, weil sich der Honig an den Kontaktstellen schwarz färbt" (7).
Der Glaube an die Idee der Pflichterfüllung, der kategorische Imperativ, die "Seriosität" (vergl. Auch Briefe zur wesensgemäßen Bienenhaltung Teil I) - das sind seine Ausgangspositionen, der Staat als höchste Form der Einheit von Recht und Moral - das war und ist Langs Streben und Ziel und damit das zentrale Thema seiner Texte. Bei jeder Gelegenheit beruft er sich auf die Gesetze, insbesondere die EU-Bio-Verordnung Nr. 2092/91; folgerichtig gilt ihm die peinliche Einhaltung der Vorschriften der EU-Bio-Verordnung als die wichtigste qualitätsfördernde Maßnahme seiner Imkereien und des Honigs: "Die Untersuchungsergebnisse werden im Prüfprotokoll des Qualitätsmanagement-Handbuches notiert" (8). Deshalb würde Herr Lang gerne seinen gesamten Honig als Biohonig anbieten, wenn nicht diese Sachzwänge wären: "Wir bemühen uns prinzipiell darum, Honig von zertifizierten, ökologisch arbeitenden Imkereien anzubieten" (9). Aber? -- Was ist mit den andren Imkereien und Honigsorten? Zu hohe Kosten durch die Zertifizierung? Er sagt: Es "würde der Honigpreis durch die Zertifzierung stark ansteigen" (10). - Hätte das etwa zur Folge, daß diese Honige Schwierigkeiten hätten mit den in Deutschland produzierten Bio-Honigen zu konkurrieren? Herr Lang sieht das ganz anders: "Da qualitativ sehr hochwertige Honige überaus gefragt sind können unsere Lieferanten ihren Honig immer gut abzusetzen. Das zusätzliche Prädikat: "aus kontrolliert biologischer Erzeugung" zu erlangen birgt daher für sie kaum Vorteile" (11). Schließlich gibt es ja die chemische Analyse, wozu also Bio-Kontrolle?: "Für eine objektive Beurteilung des Honigs und zur Absicherung der Qualität lassen wir jeden Honig auf sensorische und chemisch-physikalische Eigenschaften, sowie Rückstände untersuchen" (12).
Die Stützpfeiler, von denen Herr Lang ausgeht sind also die chemische Analyse "zur Absicherung der Qualität" und wenn nötig die Bio-Kontrolle durch "BCS, dem Kontrollbetrieb von Allos" (13). Diesen zentralen Hohlraum - chemische Analyse und Bio-Kontrolle nach gesetzlichen Mindestanforderungen - möchte Herr Lang mit Fakten und Sachverhalten einkreisen und erschließen. Warum nur? Es geht doch um etwas ganz Anderes. Was hat dieser Hohlraum mit wesensgemäßer Bienenhaltung zu tun? Gar nichts. Und doch betont er immer wieder - und das seit 25 Jahren! - worauf es ihm ankommt bei der Honigerzeugung: auf die "Gewinnung nach international anerkannten Regeln für Bio-Imkerei (nur Einsatz biologischer Präparate, Verwendung natürlicher Materialien und schadstofffreier Anstriche, Aufstellung der Völker in weitestgehend unbelasteten Gegenden). Jährliche Kontrolle vor Ort durch unabhängige Kontrolleure" (14). Was heißt das? Das heißt es kommt ihm einzig und allein auf die Schadstofffreiheit des Produktes an. Ob die Haltungsbedingungen der Bienen wesensgemäß sind, interessiert ihn nicht - schließlich ist es in den Gesetzen, nach denen er sich zertifizieren läßt auch nicht enthalten.
Auch war Ihm nie gelungen, die wissenschaftliche Welt zu provozieren oder auch nur anzuregen. - Was es in dieser Beziehung mit Herrn Kirsch, Herrn Grosch oder Herrn Weiler auf sich hat, habe ich ja ausführlich dargestellt (vergl. Briefe zur wesensgemäßen Bienenhaltung Teil I).
Walter Lang, "einer der Pioniere der Naturkost" (15), wie er nicht müde wird darauf hinzuweisen, wurde und wird immer noch von seinem Publikum in der Naturkostszene geliebt, weil er ihm nichts vorenthalten und zugleich nichts abverlangt hat. Aber wie kommt es zu dieser auf phänomenalen Mißverständnissen beruhenden "Allos"-Mode in den deutschen Naturkostläden? Ist es der pseudophilosophische Tiefgang, wenn er zum Beispiel als "Honig - und Naturkost-Spezialist" (16) über das "Wunderkorn der Inkas" (17) berichtet?
Die Verbindung von Scharfsinn und einer gewissen Beschränktheit, ja von Raffinesse und einer so überraschenden wie entwaffnenden Einfalt ist hier nicht etwa bewußt präpariert. Sie entspricht vielmehr der Persönlichkeit, der Mentalität Langs. Er wollte seinen Honigkunden ohne Umschweife klarmachen, wie die Welt des Honigs im Grunde war und wie gründlich Walter Lang sie durchschaute. Aus dieser Mentalität, die natürlich manchen Lesern - und erst recht den Kollegen Langs - auf die Nerven gehen mußte, ergab sich sein munterer und zugleich etwas betulicher Moralismus (der bei seinem Kollegen Herrn Evers allerdings weitaus stärker ausgeprägt ist ) , dieser aufklärerische und immer ein wenig naive Optimismus, der sich übrigens nie von der realen Entwicklung beirren ließ und der offenbar von zahllosen Naturkostkunden goutiert wurde. Die außerordentlich guten Erfolge im Naturkosthandel haben seine Selbstkontrolle in Bezug auf Wichtiges und Unwichtiges in der Bienenhaltung auf fatale Weise reduziert. Ich halte den Mann für sinnlos überschätzt.
Immerhin gibt es ja zunehmend neue Anbieter von Bio-Honig in der Naturkostszene: zum Beispiel Martin Evers. Er will nur das Beste und das aus "kontrolliert biologischer Imkerei"(18). Er nennt uns auch Einzelheiten:
"Martin Evers Imkerhonig ist Ihre Garantie für echten Bio-Honig! Das bedeutet -- Jetzt sind wir aber gespannt! -- :
| Die Bienen sammeln den Nektar in einer intakten Umwelt - ohne Industrieanlagen, Autobahnen und ohne Pflanzenschutzmittel. | |
| Bei der schonenden Verarbeitung des Honigs werden keine synthetischen Chemikalien oder Bienenbehandlungsmittel verwendet. | |
| Den Bienenköniginnen werden nicht die Flügel beschnitten. | |
| Die Bienen erhalten für die Überwinterung ausreichend eigenen Honig und Pollen. | |
| Die Imkerei wird mehrmals im Jahr durch eine unabhängige Kontrollstelle kontrolliert und zertifiziert." (19). |
"Bei der schonenden Verarbeitung des Honigs werden keine synthetischen Chemikalien oder Bienenbehandlungsmittel verwendet" (20). Hat man jemals gesehen, daß bei der Verarbeitung des Honigs synthetische Chemikalien verwendet werden? Kein einziger Imker kommt auf solche Ideen. Wenn das das Besondere an der Bio-Imkerei sein soll, dann weiß ich wahrlich nicht, was das Besondere an der Bio-Imkerei sein soll!
"Den Bienenköniginnen werden nicht die Flügel beschnitten" (21). Nein, das nun gerade nicht, aber verschwiegen wird, daß sie künstlich besamt werden und das sogenannte Umlarv-verfahren auch nicht spurlos an den Königinnen und dem Bienenvolk vorübergeht.
"Die Imkerei wird mehrmals im Jahr durch eine unabhängige Kontrollstelle kontrolliert und zertifiziert" (22). Womöglich kampieren die direkt auf dem Gelände.
Wer jedoch von den Texten des Herrn Evers auf das Niveau der heutigen Bienenliteratur oder Literatur zur ökologischen Bienenhaltung in Deutschland schließen wollte, wäre leichtsinnig. Dieses Niveau ist erheblich höher.
Den Weg des geringeren Widerstandes, der auf die erfolgreichen Honigverkäufer eine ebenso verständliche wie gefährliche Anziehungskraft ausübt, hat er jedenfalls verpönt: seinem neuen Versuch Honig zu verkaufen und Werbetexte zu verfassen kann Routine am wenigsten vorgeworfen werden. Im Gegenteil: Während seine übrigen Werbetexte der Naturkostszene bereits allzu gut bekannt sind, erwecken die neuen Formulierungen, mit denen Herr Evers den Schritt auf den Honigmarkt wagt, eher den Eindruck einer Ankündigung, den ein ausgesprochener Anfänger geschrieben hat, der sich über seine Möglichkeiten und Grenzen nicht im Klaren ist.
Kurz: Wer mehr über wesensgemäße Bienenhaltung, wie sie in unseren Kursen gelehrt und von führenden Instituten gefordert wird, erfahren will, ist bei Herrn Lang und Herrn Evers an der falschen Adresse.
Ihr M.T.
Anmerkungen
(1) Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 6/2001, p. 2, Schaafheim/Germany
(2) Bindeler-Köllhofer, B., 2001: Cremiger Honig, ein Kinderspiel? ADIZ/Die Biene/Imkerfreund 6/2001, p. 14-15. Berlin/München, Germany.
(3) siehe Nr. 1.
(4) Ibid.
(5) Walter Lang/Allos, 1995: Honigbroschüre. Mariendrebber, Germany.
(6) Walter Lang/Allos, 2001: Honigbroschüre. Mariendrebber, Germany.
(7) Ibid.
(8) Ibid.
(9) Ibid.
(10) Ibid.
(11) Ibid.
(12) Ibid.
(13) Ibid.
(14) Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 6/1999, p. 18, Schaafheim/Germany.
(15) Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 7/1999, p. 16-17, Schaafheim/Germany.
(16) Ibid.
(17) Ibid.
(18) Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 10/2001, p. 55, Schaafheim/Germany.
(19) Ibid.
(20) Ibid.
(21) Ibid.
(22) Ibid.
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